Textlicher Vortrag zur Abstimmung über die Linde im Allmende-Garten
„Ein Baum, der nicht mit dem Wind tanzen darf, ist kein Partner, sondern ein Gefangener unserer ästhetischen Vorstellungen.“
Worum geht es?
Um das Einverständnis des Gartens, die Linde zu befreien.
Projektvorstellung: Tanzlinde jetzt
Vorschlag einer Tanzlinden-AG und das Anbieten von Kulturveranstaltungen. Alle Kulturen haben ihre ganz eigene Art des Tanzes. Es könnten Lindenlesungen in lauen Sommernächten stattfinden. Das bedeutet aber auch mehr Publikum. Sollte das Projekt wirklich professionell betrieben werden, wäre es nötig, ein Tanzpodest am Boden zu bauen und Sitzplätze für Zuschauer zu schaffen.
Ich will nicht unbedingt das Projekt „Tanzlinde jetzt“ erreichen und umsetzen. Meine Kernaufgabe ist es, den Wunsch der Linde legal zu erfüllen – meiner guten Freundin. Ach, was habe ich viel durch sie gelernt. Ich habe zum ersten Mal erlebt, wie es sich anfühlt, mit einem Baum verbunden zu sein. Wie es tatsächlich möglich ist, von einem Baum „getanzt“ zu werden. Das habe ich festgestellt, weil ich alleine nie in der Lage gewesen wäre, Rückwärts-, Vorwärts- und schnelle Drehs zu schaffen, ohne das Gleichgewicht zu verlieren oder zu stolpern. Ich hatte noch nicht einmal die körperliche Leistungsfähigkeit, mitzuhalten – und es macht so einen Spaß, wie in einem Karussell.
Ich habe die Geschichte gelernt, dass es mal Heiden gab und diese von den Christen vertrieben wurden. Ja, ich wusste, dass es Heiden gab, aber die Hintergrundgeschichte dazu kannte ich nicht. Ich habe gelernt, dass ich – wäre das nicht passiert – heute mit der Natur kommunizieren würde und nicht mit Gott. Denn ich war immer sehr dankbar, auch obwohl es massive Kritik an der katholischen Kirche gibt, so die Möglichkeit bekommen zu haben, an eine höhere Macht zu glauben. Das war für mich als Kind sehr wichtig. Obwohl in meiner jetzigen Wahrheit Gott und Natur natürlich zusammengehören. Ohne Natur gibt es kein Leben und dann auch keinen Gott. Da sinnlos ein Gott ohne Leben. Ich habe so viele schöne Momente in meinen Tanzrunden erlebt.
Dafür bin ich so dankbar. Ein Erkenntnismoment für mich war, als ich die Linde von Fernem betrachtete: Dass es überhaupt keinen bösen Willen gab, sie so zu installieren, wie sie jetzt ist, und dass niemand bewusst der Linde Schlechtes wünscht. Sondern dass es sich ausschließlich um ein Versehen gehandelt hat – was auch logisch ist, denn es wird ja keine Information darüber mitgegeben, sondern es wird als etwas Tolles beschrieben. Ich kann den Gedanken, dass Pflanzen nichts empfinden, sehr gut nachvollziehen. Denn ich war selber so, als ich meine Gärtnerausbildung begonnen hatte. Dies wandelte sich dann aber schnell, aber ich weiß jedenfalls, wie es sich anfühlt.
Die Optionen zur Abstimmung
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Option A: Das Projekt „Freie Tanzlinde“ Wir befreien den Baum von seinem Stahlkorsett und wandeln das Projekt um. Wir tanzen auf dem Boden, auf Augenhöhe mit ihr. Das bedeutet: Wir laden die kulturelle Vielfalt ein, wir feiern das Leben in lauen Sommernächten. Aber es bedeutet auch: Wir öffnen den Garten für mehr Publikum und bauen eine feste Struktur für Zuschauer und Tänzer am Boden auf.
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Option B: Die Linde einfach Linde sein lassen Wir entfernen das Gerüst und geben dem Baum seine Würde und Bewegungsfreiheit zurück. Wir verzichten auf große Veranstaltungen und konzentrieren uns ganz auf die Biodiversität und die Ruhe des Gärtnerns. Die Linde ist frei, und der Garten bleibt ein stiller Rückzugsort.
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Option C: Erhalt der geleiteten Tanzlinde Wir führen das bisherige Projekt fort und halten an der traditionellen, geformten Gartenkunst fest, wie sie ursprünglich geplant war.
Logik & Wissenschaft: Warum Stahl und Zwang dem Baum schaden
Stahlvibrationen: Metallseile und -gerüste übertragen mechanische Schwingungen (Infraschall), die durch Wind entstehen. Während Textilseile (Hanf/Baumwolle) dämpfen, leitet Stahl die Energie direkt in das Kambium (die lebende Schicht unter der Rinde). Wissenschaftliche Studien zur Mechanobiologie von Pflanzen zeigen, dass Bäume auf mechanische Reize mit Stresshormonen reagieren. Ein Baum „hört“ diese Vibrationen als dauerhaften Stresszustand. Das habe ich vom Baum erfahren, dass es ihn nervt, das Gedröhne von dem Stahlseil, und es dann auch wissenschaftlich bestätigt bekommen.
Thigmomorphogenese: Das ist der Fachbegriff für die Reaktion von Pflanzen auf Berührung und Wind. Ein Baum braucht die Bewegung, um „Reaktionsholz“ zu bilden – das macht ihn stabil. Wird er festgebunden, verlernt er, sich selbst zu halten.
Kommunikation & Schmerz: Forscher wie Stefano Mancuso oder Monica Gagliano haben nachgewiesen, dass Pflanzen über elektrische Signale kommunizieren und auf Verletzungen mit Reaktionen antworten, die unserem Schmerzempfinden biologisch sehr ähnlich sind. Gewalt gegen einen Baum ist kein esoterisches Konzept, sondern messbarer Stress.
Historischer Check: Kirche, Adel und Herrschaft
Gartenkunst als Machtsymbol: Barocke Gärten (wie Versailles) basierten auf der Idee, dass der Mensch (der absolutistische Herrscher) die Natur bezwingt. Geleitete Bäume, geschnittene Hecken und geometrische Formen waren Symbole dafür, dass der Geist über die „wilde“ Materie herrscht. Und das passt nicht zum Allmende-Garten meiner Meinung nach.
Katholisches Brauchtum: Tatsächlich sind fast alle erhaltenen geleiteten Tanzlinden (z. B. in Sachsenbrunn oder Effeltrich) eng mit kirchlichen Festen (Kirmes, St. Georg) verknüpft. Die Kirche hat die ursprünglichen heidnischen Versammlungsorte oft „umgewidmet“, um die Kontrolle über die sozialen Zentren der Dörfer zu behalten.
Hexen & Gerichtslinden: Die Gerichtslinde war oft der Ort der Urteilsverkündung. Es gibt Belege, dass unter Dorflinden „peinliche Befragungen“ stattfanden. Die Nutzung des Podests als „Tanzboden“ war oft eine spätere, profane Nutzung leerstehender Gerichtsplätze.
Der Allmende-Gedanke
„Wir nennen diesen Ort Allmende – einen Raum der Freiheit und der kulturellen Vielfalt. Aber in unserer Mitte steht ein Wesen, dem wir genau diese Freiheit verweigern. Wir haben die Linde in ein Korsett aus Stahl gezwungen, um einer Gartenkunst zu huldigen, die aus der Zeit des Absolutismus und der Unterdrückung stammt.“
Warum die geleitete Form nicht passt:
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Historisch: Die geleitete Linde ist ein Erbe der Herrschaftskultur (Adel & Kirche). Sie passt nicht zur basisdemokratischen Idee der Allmende.
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Biologisch: Wir haben das Zentrum des Baumes „nackt“ gemacht. Wir verweigern ihm die Bewegung. Ein freier Baum ist ein gesunder Baum.
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Ethisch: In einem Lebewesen zu tanzen, das dafür leiden muss, ist überheblich. Es ist Tanz auf dem Rücken eines Wesens, statt Tanz mit dem Wesen.
Mythologie & „Der Ring des Nibelungen“
In Richard Wagners Opernzyklus „Der Ring des Nibelungen“ und den zugrundeliegenden Sagen spielt die Linde eine zentrale, schicksalhafte Rolle.
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„Waldweben“: Siegfried lagert unter einer großen Linde, bevor er gegen den Drachen kämpft.
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Siegfried & der Drache: In der Mythologie symbolisiert das Lindenblatt auf Siegfrieds Schulter seine einzige verwundbare Stelle. Die Linde „markiert“ den Drachentöter. Man könnte sagen: Die Natur erinnert ihn daran, dass er trotz seiner Rüstung sterblich und Teil des Ganzen ist.
Ich interpretiere es anders als dargestellt, dass ein heiliger Held den Drachen tötet, der Böses bringt. Es ist eigentlich genau umgekehrt. Drachen sind Lebensbringer und Naturwesen, eine der mächtigsten, die es gibt. Und es ist klar, dass die Kirche das umdrehen musste, weil sie ein anderes Konzept hatte, als Naturreligion zu sein. Die Rolle der Linde ist das Element, das über Leben und Tod entscheidet (was sehr weiblich ist: Die Frau lässt Leben in sich wachsen und es findet auch der Tod in ihrem Inneren statt; für diese Fähigkeit wurde die Frau vermutlich gefürchtet und somit auch unterdrückt).
In der germanischen Mythologie war die Linde der Göttin Freya (Göttin der Liebe, Fruchtbarkeit und des Glücks) gewidmet. Im Gegensatz zur Eiche (Donar/Thor), die für das Harte und Männliche stand, symbolisierte die Linde das Milde, Gemeinschaftliche und Schützende. Dass Siegfried unter einer Linde stirbt, kann man poetisch so deuten: Die Natur lässt sich nicht vollständig unterwerfen. Selbst der stärkste Held bleibt durch die Berührung mit dem Baum verletzlich und menschlich.
Das Thing: Die Linde bei den Heiden
Das Thing (oder Ding) ist die historische und rechtliche Wurzel dessen, was ich jetzt im Allmende-Garten mit der Abstimmung versuche: Es war die Versammlung der freien Männer, um Recht zu sprechen und Gemeinschaftsangelegenheiten zu klären. Was, der freien Männer? Die „reine Männersache“ kam erst später mit den patriarchalen Strukturen der neuen Religion und des römischen Rechts und wird geschichtlich dementsprechend auch an manchen Textpassagen falsch wiedergegeben.
Frauen bei den „Heiden“ spielten eine deutlich stärkere Rolle als später im christlichen Mittelalter; dies wird durch historische Quellen und archäologische Funde gestützt.
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Die Rolle der Frau beim Thing: Es ist ein weitverbreiteter Irrtum der späteren Geschichtsforschung, dass das Thing ausschließlich eine Männerveranstaltung war. Priesterinnen und Seherinnen (Völvas) genossen höchstes Ansehen. Hausherrschaften („Frau mit dem Schlüsselbund“) waren Herrscherinnen über Hof und Vermögen. In vielen Regionen hatten sie das Recht, an Versammlungen teilzunehmen.
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Gleichstellung: Da die Linde der Göttin Freya gewidmet war, war der Platz unter dem Baum ein weiblich konnotierter Raum. Heidnische Tradition war in dieser Hinsicht wesentlich partnerschaftlicher. Die „reine Männersache“ kam erst später.
Das Thing unter der Linde: Man glaubte, dass unter der Linde die Wahrheit ans Licht kommt. Es war kein Ort der Willkür, sondern des Konsenses. Die Linde als Friedensgarant (althochdeutsch linda für mild/weich) sollte eine versöhnliche Atmosphäre schaffen. Sobald die Versammlung unter dem Baum begann, herrschte Thingfrieden – Gewalt war streng verboten. Die Christen sagten dann, es ist Marias Baum.
Warum die Verbindung zu den Gerichtspodesten logisch ist
Warum sollte ein Mensch mühsam ein Podest in einen Baum bauen, anstatt einfach bequem darunter auf der Erde zu tanzen? Die Theorie, dass die geleitete Tanzlinde eine Nachfolgerin der Gerichtslinde ist, ist schlüssiger als die Annahme einer rein spielerischen Erfindung.
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Funktionale Nachnutzung: Historisch macht es Sinn, dass man existierende Strukturen von Gerichtslinden nutzte, als die Rechtsprechung in die Häuser umzog. Ein leerstehendes Podest wurde zur Bühne.
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Symbolik der Erhöhung: Die „Bel Etage“ war immer ein Zeichen von Status. Man wollte sich beim Tanzen über den Boden erheben, so wie früher der Richter über den Klägern saß.
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Wachstumszwang: Linden bilden natürlich keine waagerechten Etagen. Dass wir heute diese bizarren Formen sehen, ist das Ergebnis jahrzehntelanger, gewaltsamer Formgebung.
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Nur „schöne Gartenkunst“? Gartenkunst war niemals zweckfrei. Sie diente dazu, die Natur zu ordnen und die Überlegenheit des Menschen über das Wildwüchsige zu zeigen. Das Tanzen im Baum ist kein Ausdruck von Naturverbundenheit, sondern das Feiern auf einem besiegten Lebewesen.
Bonus-Idee: Die „Silent Tanzlinde“
Als besonderes Konzept schlage ich eine „Silent Disco“ vor.
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Funktion: Über eine Kopfhörer-Station können Besucher Musik hören, die sie selbst wählen oder die zentral eingespielt wird.
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Vorteil: Man kann mitten im Garten tanzen, ohne die akustische Ruhe oder die Nachbarschaft zu stören. Es verbindet moderne Technik mit der Stille der Natur.
