Die Begegnung: Der Ruf der Linde

So dachte ich mir, ich bräuchte nur den Organisatoren mitteilen, dass der Baum sich wünscht, seine Äste im Wind wiegen lassen zu können. Und dass es doch gar nicht zu einem Gartenprojekt passt, so traurig und schon gar nicht zur Tempelhofer Freiheit 😉

Leider war ich da ein bisschen zu naiv. Mir wurde mitgeteilt, dass Bäume nicht fühlen können und dass es sich um Gartenkunst handelt. Es war eine natürliche Begeisterung für dieses Baudenkmal zu spüren.

Meine Überzeugung: Alles, was lebt, fühlt. Es ist bewiesen, dass Pflanzen kommunizieren und auf Worte reagieren. Stell dir vor, deine Arme wären festgezurrt, dein Bauch teilweise entfernt und du könntest nur stumm schreien: „Bitte macht mich frei“.

Die Recherche: Woher kommt die „Tanzlinde“?

Nun suchte ich nach den historischen Gründen. Warum will man in einem Baum tanzen?

  • Ursprung: Es gibt kaum Belege für frühe Tanzlinden. Früher waren es Gerichtslinden (oft Orte der Strafe).
  • Christianisierung: Der Tanz in der Linde ist fest mit der katholischen „Kirchweih“ verbunden.
  • Zerstörung: Die Christen zerstörten die Heiligtümer der „Heiden“. Die geleitete Linde ist wie eine „christianisierte“ Linde – ans Kreuz bzw. ans Gestänge geschlagen.
  • Symbolik: Es ist ein Zeichen der Herrschaft über die Natur.
  • Gartenkunst oder Knebelung? Gartenkunst (die Natur formen) war früher ein Privileg des Adels, um Macht über die Natur zu zeigen.

Das Projekt auf dem Tempelhofer Feld

Die Linde wurde 2017 im Andenken an Gerda Münnich gepflanzt (Mitbegründerin des Allmende-Kontors). Ohne die Idee, eine geleitete Tanzlinde im Allmende zu installieren, gäbe es diese Linde jetzt so nicht. Die Initiatoren sahen darin eine wunderbare Tradition, die sogar zum UNESCO-Kulturerbe gehört. Doch schauen wir genauer hin:

Fakten & Kritik:

  • Alter: Sie ist ca. 30 Jahre alt (entspricht etwa einem 10-jährigen Kind).
  • Kosten: Grün Berlin gab wohl ca. 20.000 € dazu.
  • Verantwortung: Berlin ist Besitzer, aber nur der Allmende-Kontor ist verantwortlich.
  • Wartezeit: Es dauert noch mindestens 50 Jahre, bis die Äste dick genug für ein Tanzpodest sind. Wer jetzt übt, ist dann vielleicht schon tot.
  • Barrierefreiheit: Eine Tanzlinde mit Treppe verstößt gegen die UN-Behindertenrechtskonvention. Rollstuhlfahrer kommen nicht hoch – unter dem Baum könnten aber alle gemeinsam tanzen.

Offiziell soll die Linde ein „Symbol des demokratischen Austausches“ sein. In einem Werbeartikel „erzählt“ die Linde sogar selbst, dass sie einverstanden sei. Die Autorin gab mir gegenüber jedoch zu: Dieser Text ist frei erfunden und sie kann nicht mit Bäumen reden.

Ich möchte niemanden überreden, aber für mich ist die Natur kein willenloses Ding. Kann es auch logisch nicht sein. Und von Statistik schon mal gar nicht.

Ohne die Idee, eine geleitete Tanzlinde im Allmende zu installieren, gäbe es diese Linde jetzt so nicht. Denn es durften keine Bäume gepflanzt werden. Zufälligerweise war die damals zuständige Bearbeiterin des Antrages mit dem Thema durch ihre Heimat schon vertraut. Und war vermutlich genauso begeistert wie andere an diesem Projekt. Denn sie wussten ja alle nicht, was dahintersteckt. Und sahen es als wunderbare Tradition an. Diese Tradition ist tatsächlich auch im UNESCO-Kulturerbe aufgenommen worden, als bewahrenswert.

Mein neuer Anlauf zu versuchen zu erklären, dass die Aktion sich vermutlich nicht lohnt… wurde natürlich auch kein: „Ah cool, ja danke, daran haben wir gar nicht gedacht.“

Leider konnte ich per Mail auch durch meine Darstellung der „erschreckenden Hintergründe einer geleiteten Tanzlinde“ nicht überzeugen. Zu dieser Zeit gab es eine Tree-Dance-Gruppe in der Hasenheide. Das war auch neu für mich. Man trifft sich draußen in der Natur und hört sich über Kopfhörer zusammen eine Playlist an und tanzt. Das fand ich ganz wunderbar. Und besonders schön daran finde ich, dass man niemanden dabei nervt oder stört mit lauter Musik.

So fügte sich das Puzzle und ich beschloss, die Linde durch Tanzen zu befreien. Also tanze ich seither immer mal wieder um die Linde herum. Mein Wunsch ist es, sie überzuleiten in eine Tanzlinde, wo sofort getanzt werden könnte. Mit einem Podest drumherum, wo Menschen dann auch zuschauen können oder einfach auch, um bei der Linde zu verweilen. Eine Idee wäre auch, eine Kopfhörerausleihstation anzubieten, wo jeder spontan mal eine Runde tanzen kann. Alleine oder zusammen.

Was ist denn am Lindentanz so besonders?

Theoretisch kann ich dazu keine Angaben machen. Praktisch taufte mich die Linde selbst. Als sie mich das erste Mal mitnahm und ich mich fühlte wie in einem Karussell und mich so schnell drehen konnte, war mir klar: Jetzt tanzt sie mich.

Ich habe jedoch noch keinen Eichentanz gemacht und kann somit nicht sagen, ob es tatsächlich dann Lindes Art ist oder normal bei Bäumen. Die Linde wird schon öfter erwähnt. Lindwurm. Drachentöter. In vielen Liedern. Auch im Ring der Nibelungen spielt sie mit.

– Videovortrag –

The Encounter: The Call of the Linden Tree

I thought I only needed to tell the organizers that the tree wishes to let its branches sway in the wind. And that a sad project doesn’t fit a garden project at all—and especially not the „Tempelhofer Freiheit (Freedom).“ 😉

Unfortunately, I was a bit too naive. I was told that trees cannot feel and that it is a matter of garden art. There was a natural enthusiasm for this architectural monument.

My conviction: Everything that lives, feels. It has been proven that plants communicate and react to words. Imagine your arms were lashed down, your stomach partially removed, and you could only scream silently: „Please set me free.“

The Research: Where does the „Tanzlinde“ (Dancing Linden) come from?

I then looked for historical reasons. Why would anyone want to dance in a tree?

  • Origin: There is little evidence of early dancing lindens. In the past, they were „court lindens“ (often places of punishment).
  • Christianization: Dancing in the linden tree is closely linked to the Catholic „Kirchweih“ (parish fair).
  • Destruction: Christians destroyed the sanctuaries of the „pagans.“ The trained (guided) linden is like a „Christianized“ linden—nailed to the cross or the frame.
  • Symbolism: It is a sign of dominance over nature.
  • Garden Art or Shackling? Garden art (shaping nature) was once a privilege of the nobility to demonstrate power over nature.

The Project on Tempelhofer Feld

Without the idea of installing a trained dancing lime tree in the Allmende garden, this tree would not exist there today. The initiators saw it as a wonderful tradition, which is even part of the UNESCO Intangible Cultural Heritage. But let us take a closer look:

Facts & Criticism:

  • Age: It is about 30 years old (equivalent to about a 10-year-old child).
  • Costs: „Grün Berlin“ contributed about €20,000.
  • Responsibility: Berlin is the owner, but only the Allmende-Kontor is responsible.
  • Waiting time: It will take at least another 50 years before the branches are thick enough for a dance podium.
  • Accessibility: A dancing linden with stairs violates the UN Convention on the Rights of Persons with Disabilities.

What is so special about the „Lindentanz“?

Theoretically, I can’t give any details. Practically, the linden baptized me itself. When it took me along for the first time and I felt like I was on a carousel, spinning so fast, it was clear to me: now she is dancing me.

– Video Presentation –